Druck auf Queere wächst
In der Türkei gehen Behörden härter gegen die LGBTQI-Community vor. Nach Razzien in mehreren Städten und mehr als 100 Festnahmen sprechen Menschenrechtler von Einschüchterung und gezielter Stigmatisierung.
Foto: Wikimedia Commons / Kayra, CC BY 4.0
In der Türkei verschärft sich der Druck auf die LGBTQI-Community. Mitte September standen vor dem Istanbuler Justizpalast Hunderte Bereitschaftspolizisten bereit, als dort eine Kundgebung gegen eine jüngste Festnahmewelle beginnen sollte. Unter den Demonstrierenden war auch die Psychologin Gökçe Korkmaz, die sich seit Jahren für Frauen- und queere Rechte engagiert. Dass sie vor einer möglichen Festnahme nicht sicher war, zeigt, wie angespannt die Lage inzwischen ist.
Razzien in mehreren Städten
Auslöser des Protests waren Durchsuchungen unter dem Slogan „Meine Familie ist sicher“. Dabei wurden in mehreren türkischen Städten Bars, Wohnungen und LGBTQI-Vereine durchsucht. Laut Bericht nahmen die Behörden mehr als 100 Menschen fest. In Ankara traf es auch Kaos GL, einen der ältesten LGBT-Vereine des Landes. Sieben Mitglieder wurden dort bei einer Razzia festgenommen.
Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht unter anderem eine Vereinszeitschrift. Kaos-GL-Chefredakteur Yıldız Tar verweist darauf, dass es in den beanstandeten Beiträgen etwa um eine US-Serie mit einem Kuss zweier Hauptdarstellerinnen, einen homosexuellen Sportler und die Lage queerer Menschen in Georgien geht. Für ihn ist klar: Hier gehe es nicht um Inhalte, sondern um Abschreckung. Menschenrechtler sehen darin den Versuch, queere Menschen öffentlich als Gefahr für Familien darzustellen.
Kritik an der Regierung wächst
Auch aus der internationalen Menschenrechtsarbeit kommt Widerspruch. Der türkische Justizminister Akın Gürlek erklärte in sozialen Medien, bei den Ermittlungen sei festgestellt worden, dass einige Vereine hohe Summen aus dem Ausland, auch aus der EU, erhalten hätten. Laut Human Rights Watch ist das jedoch nicht strafbar. Die Organisation hält der Regierung vor, mit solchen Hinweisen ein politisches Klima zu schaffen, in dem Misstrauen gegen queere Initiativen weiter befeuert wird.
- Ort der Proteste: Justizpalast in Istanbul
- Anlass: Festnahmewelle nach Razzien
- Betroffene: Bars, Wohnungen und LGBTQI-Vereine
- Kritik: Menschenrechtler sprechen von Kriminalisierung und Einschüchterung
Für viele Betroffene ist genau das die größte Sorge: dass aus Polizeieinsätzen und Verboten eine noch stärkere gesellschaftliche Ausgrenzung entsteht. Der Vorwurf der Aktivisten ist deshalb deutlich: Nicht nur Vereine und Einzelpersonen geraten unter Druck, sondern das Bild queerer Menschen in der Öffentlichkeit soll gezielt beschädigt werden.
Quelle: Tagesschau






