Wien trotzt dem Mieten-Schock
In Wien setzt die Stadt seit mehr als 100 Jahren auf kommunalen Wohnungsbau. Rund 220.000 Gemeindewohnungen bieten etwa einer halben Million Menschen vergleichsweise günstige Mieten.
Foto: Andrzej Otrębski / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Während in vielen europäischen Metropolen Wohnungen knapp und Mieten immer teurer werden, gilt Wien seit Jahrzehnten als Sonderfall. Die österreichische Hauptstadt setzt seit über 100 Jahren auf kommunalen Wohnungsbau – und hält bis heute an diesem Kurs fest. Das Ergebnis: Rund 1.800 Gemeindebauten mit etwa 220.000 Wohnungen, in denen ungefähr eine halbe Million Menschen leben.
Die Wurzeln dieses Modells reichen bis in die 1920er-Jahre zurück. Damals war die Wohnungsnot in Wien besonders groß, viele Menschen mussten sich Wohnraum sogar im Schichtsystem teilen. Die sozialdemokratische Stadtregierung reagierte mit einem massiven Bauprogramm. Bis 1934 entstanden allein 65.000 Wohnungen, darunter auch große Anlagen wie der Karl-Marx-Hof. Eine weitere starke Ausbauphase folgte nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1960er-Jahren.
Ein Viertel der Stadt lebt kommunal
Heute wohnt etwa jeder Vierte in Wien in einem Gemeindebau. Hinzu kommen rund 200.000 geförderte Wohnungen, etwa von Genossenschaften. Anders als viele andere Städte hat Wien seine Wohnungsbestände nie großflächig verkauft. Genau das macht das Modell so besonders – und zugleich schwer kopierbar. Es ist das Ergebnis einer langfristigen, durchgehenden Wohnungspolitik, nicht einer kurzfristigen Maßnahme.
Günstiger wohnen – aber nicht für alle
Für viele Wienerinnen und Wiener liegt der Vorteil auf der Hand: leistbarer Wohnraum bleibt verfügbar. Nach Angaben von Wiener Wohnen beginnt die Miete für eine Einzimmerwohnung im Schnitt bei rund 350 Euro, für drei Zimmer bei etwa 750 Euro. Dazu kommen Bedingungen, die auf dem angespannten Wohnungsmarkt fast ungewöhnlich wirken:
- unbefristete Mietverträge
- keine Kaution
- keine Makler-Courtage
Ganz ohne Grenzen funktioniert das System aber nicht. Nicht jede Person bekommt Zugang zu einer Gemeindewohnung, und auch finanziell läuft das Modell nicht von selbst. Neubau, Sanierung und Erhalt werden aus Mieteinnahmen, Wohnbaukrediten und Fördermitteln bezahlt. Der Umsatz von Wiener Wohnen lag zuletzt bei knapp 1,3 Milliarden Euro – trotzdem reichten die laufenden Einnahmen nicht aus, um alle Kosten zu decken. Auch in Wien sind die Baukosten zuletzt gestiegen.
Quelle: Tagesschau






